DIRTY SNOWBALLS.

Vom schmutzigen Schneeball zur farbigen Fläche

Zur Kometen-Serie von Tobias Wyrzykowski

 Ellen Wagner 2018

 

 

Die meisten Kometen sind für das bloße Auge unsichtbar und können nur durch das Teleskop beobachtet werden. Dabei liegt ihr Durchmesser bei bis zu hundert Kilometern, ihr Einschlag auf der Erde zöge eine globale Katastrophe nach sich. Das Ausmaß der Zerstörung, die bereits kleine Kometen und Asteroiden anrichten können, ist verheerend. So berichtet man im Zusammenhang mit dem so genannten "Tunguska-Ereignis" 1908, für das als mögliche Ursache unter anderem das Eintreten eines Kometen in die Erdatmosphäre genannt wird, von 60 Millionen umgeknickten Bäumen und silbern glänzenden Wolken, die, von Sibirien aus bis nach London sichtbar, den Nachthimmel noch Tage nach dem Ereignis erleuchteten. Massenaussterben, das Hinterlassen riesiger Krater, niedergebrannte Wälder, weltweite Verwüstung, das Ende der Zivilisation, das Ende der Menschheit – ein Komet, der im falschen Moment die Erdbahn kreuzt, kann vieles anrichten, was man sich außerhalb der abendfüllenden Unterhaltung durch einen Hollywood-Blockbuster-Film gar nicht vorstellen mag.

In Tobias Wyrzykowskis Malerei-Serie der Kometen finden all diese möglichen Auswirkungen als imaginativer Raum Platz auf kleinformatigen Leinwänden. Die Kompositionen wirken spielerisch, die Ausmaße der Farbkörper und Pinselstrichen bewegen sich im Zentimeterbereich – dennoch handelt es sich um Ballungen von Farbmaterie mit offener Ausdehnung, was die Umgrenzung der Form und ihre motivische Assoziierbarkeit betrifft. Die kleinen Formate, die sich in der großen Zahl der Leinwände wiederum zu einer größeren Fläche fügen ließen, scheinen in Bezug auf das Kometenmotiv zunächst vor allem die weite Entfernung zu unterstreichen, die diese Himmelskörper von der Erde haben. Gleichzeitig aber stellen Wyrzykowskis Malereien gerade keine Distanz zu den Betrachtenden her, sondern betonen vielmehr ihre taktile Seite: Im kleinen Format treffen die Erfahrung von Nähe und Ferne, die scheinbare Greifbarkeit winziger Mikrokosmen aus Farbstrukturen und die unvorstellbare Weite des Makrokosmos aufeinander. Die Spannung zwischen der vorwiegend abstrakten Malerei Wyrzykowskis und den gegenständlichen Kontexten, an welche diese stets anschlussfähig bleibt, wird in den Kometen-Bildern besonders spürbar. Die Betrachtung kann hier zwischen dem Blick auf einen nur wenige Zentimeter einnehmenden, abstrakten, doch greifbaren Farbfleck auf der Leinwand und der Vorstellung eines im Kern mehrere Kilometer messenden, gegenständlichen, doch ein Erfassen durch den menschlichen Verstand nahezu verunmöglichenden Kometen changieren.

Nicht nur die Bilder der Kometen-Serie, sondern Wyrzykowskis Malereien insgesamt sind geprägt von aufeinander stoßenden oder kurz vor ihrem Auf- treffen aufeinander anhaltenden Linien, die an ihrem einen oder anderen Ende leichte Verdickungen aufweisen – Spuren einer ansetzenden Bewegung, des kurzen Innehaltens beim Aufsetzen des Pinsel oder Malutensils auf der Lein- wand. Vergrößerte man diese "Phänomene" nur ganz leicht, so wäre die Ähnlichkeit der als Kontur für Landschaftserscheinungen oder Horizontbegrenzungen fungierenden Linien mit einigen der Kometen unübersehbar. Der Komet ist gewissermaßen die zu ihrer eigenen gegenständlichen Metapher gewordene Linie – ein gerichteter Schwung in keineswegs zufälliger, doch nicht vorhersehbarer Bahn, eine Bewegungsspur, die Blicke lenkt und ästhetische Erfahrungen ermöglicht.

Das Motiv der Kometen gibt den halb abstrakten, halb gegenständlich landschaftlichen Kompositionen eine Richtung. Es initiiert ein pendelndes Auf- und Absteigen des Blicks, indem die angenommene Flugbahn des Kometen entgegengesetzt zum Entstehungsprozess der Linie selbst verläuft, so dass die Augen abwechselnd in die eine und in die andere Richtung an ihr entlanggleiten können: Während der Komet mit dem Kopf voran einen doppelt verglühenden und verblassenden Schweif hinter sich her zieht, beginnt die Linie auf Wyrzykowskis Leinwänden tatsächlich häufig mit einer das Ansetzen des Pinsels markierenden Verdickung – dem "Kopf" des Kometen –, um anschließend Schwung aufzunehmen, sich ihren Weg quer über die Bildfläche zu bahnen und leicht zerfransend oder sich buchstäblich zuspitzend auszulaufen. Reflexionen über Entfernungen und Geschwindigkeiten – eines fliegenden Objektes, gezogenen Pinselstriches oder wanderndes Blickes – und über deren Zusammenspiel in der Wahrnehmung der zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, bildlicher Darstellung und Materialexperiment oszillierenden Gemälde werden möglich

Die Linien selbst sind nicht nur zur Unterteilung der Fläche und Konturierung der Formen da, sondern brechen auch selbst auf. Teils führen sie mit den Farbresten aus früheren Arbeitsschritten auch etwas von der Entstehung des Bildes, sozusagen ihres eigenen "Sonnensystems", mit sich – ähnlich wie die Kometen, die aus Eis, Staub und Stein aus der Entstehung des Sonnensystems bestehen und daher auch "schmutzige Schneebälle" genannt werden. Die Linien und Flächen stehen für sich selbst und verweisen doch auf etwas anderes, buchstäblich weit Entferntes, das sie darstellen. Nicht immer sind sie dabei eindeutig und ausschließlich als Kometen zu identizieren – vielmehr scheint der Künstler auch von Nordlichtern und Raketen, Wolken, Drachen, Kerzenflammen oder gar Luftballons und Streichhölzern inspiriert zu sein. Das Schwebende, Bevorstehende ist all diesen Formen gemeinsam.

Auch die Erde ist ein Himmelskörper, und was sich auf ihrer Oberfläche ereignet, kann genauso durch Einflüsse aus dem Weltall verursacht werden wie durch die Kräfte, die in ihrem Inneren, unter der Kruste rumoren. Über viele Ereignisse in der Erdgeschichte streiten WissenschaftlerInnen über die Ursachen – auch das anfangs erwähnte "Tunguska-Ereignis" könnte in Wahrheit vielleicht nicht mit einem Kometeneinschlag zusammenhängen, sondern mit einem Ausbruch vulkanischer Flammen aus der Erde. "Von oben" und "von unten" zerren Kräfte an der Erde, bringen Feuer, Wasser und Gestein zum Beben, Schwellen und Zerbersten. Naturschauspiele und Naturkatastrophen liegen nah beieinander.

Auch auf Wyrzykowskis Leinwänden gibt es keine klare Trennung zwischen Phänomenen über, auf und unter der "Erde" bzw. einer als Horizont identifizierbaren Linie auf dem Bild. Die zunächst oft landschaftlich wirkenden Kompositionen sind charakterisiert durch einen rundlichen oder amorph verwischenden Fleck sowie eine meist diagonale Linie, die das Bild strukturiert. Diese teilt die Fläche in ein Oben und ein Unten, stellt durch diese Trennung aber vor allem eine Beziehung, ein Austauschverhältnis zwischen dem Höheren und dem Tieferen her. So bilden auch Wyrzykowskis Kometen in erster Hinsicht Verbindungslinien – zwischen Bildhälften, Farbflächen oder auch zwischen der Leinwand und ihrem imaginierten Außen, auf das die geschweiften Linien zusteuern bzw. aus dem sie zu kommen scheinen.

Dennoch bricht das Kompositionsmuster immer wieder auf. Flächige Formen und Linien, die in ihrer Länge, Breite und Geschlossenheit stark variieren, eröffnen in den Bildern immer wieder unkonventionelle Sichtweisen auf das Kometenmotiv, das gerade nicht dem Klischee des geschweiften "Sterns über Bethlehem" entsprechend auftaucht: So scheint eine der Malereien einen winzigen, ockerfarbenen "Kometen" im linken oberen Teil einer fensterkreuz- artigen Komposition zu zeigen. Das rechte untere Feld des "Fensterkreuzes" wird von einer leuchtend roten Farbfläche ausgefüllt, als habe bereits das bildliche "Vorbeifliegen" des Pinselstriches die Leinwand "angezündet". Ein anderer Komet weht wie ein leuchtend gelbes, an den Rändern rötlich und grünlich gebrochenes Haar über die Leinwand, das in der Horizontlinie wie in einer Art Farbhaut lose verwurzelt ist. Einige weitere "Farb- und Himmelskörper" werden wie von einer wässrig blauen Wolke umnebelt oder fläzen sich pfützenartig auf der Bildfläche. Ohne in diesem momentanen "Ruhezustand" den Eindruck ihrer Explosivität einzubußen, schillern sie in verschiedenen Abstufungen der Dichte ihrer Farbverteilung. Rissige gitterartige Strukturen, Drippings und lasierende Farbnebel überschreiten stetig und in beide Richtungen den häufig über waagrechte oder diagonale Linien angedeuteten "Horizont". Die Fläche – auch wenn sie meist nicht reliefartig erhaben auf uns zutritt – ist deutlich aus Schichten und Bildgründen zusammengesetzt.

Seit dem Altertum wurden Kometen als Schicksalsboten gedeutet, als Signale einer Zeitenwende, Glücksbringer oder apokalyptische Omen. Wyrzykowskis Leinwände lassen uns den weiteren Impakt des laut Titel assoziierbaren Kometenflugs erwarten – in Form von Druckwellen, Temperaturanstiegen, und Erschütterungen in einem imaginativen Sinne. Abstände zwischen Nähe und Ferne, zwischen Himmel, Erde und der Leinwand ziehen sich momenthaft auf der Leinwand zusammen. Im verspielten und doch ebenso bedrohlich aufgeladenen metaphorischen Bild einer "Schneeballschlacht" der Planeten und der Farben treten das Gegenständliche und das Abstrakte in Kontakt – gewissermaßen auf einander kreuzenden Umlaufbahnen, in stetiger Dynamik der Anziehung und der Kollisionsgefahr.

 

 

 

Über das Weglassen

Selbstüberwindung durch Aufhören

Michael Munding 2018

 

 

Tobias Wyrzykowski...

...traut sich, Dinge weg zu lassen. Eine spartanische Spröde und, damit einhergehend, eine schwebende Leichtigkeit machen das Besondere seiner Arbeiten aus. Alles was nicht unbedingt nötig ist, wird vernachlässigt zugunsten der Farbe, der wiederum soviel Spiel-Raum ermöglicht wird, wie nur irgend möglich.

Schon früh hat Wyrzykowski Versuche mit Öl und Fett auf großen Papierflächen angestellt. Hinterleuchtet und damit in Teilen transluzent, ganz ohne Zugabe von Farbpigment, konnten sich deren Materialität im gegenseitigen Durchwirken von Bildträger und Malmittel entfalten. Die Eingriffe des Künstlers wurden so gering wie möglich gehalten. Überraschung wird dabei zu einem zentralen Moment der Bildfindung.

Auch seine aktuelle, sehr leuchtkräftige Malerei folgt dieser früh erlernten Rücksichtnahme auf die Verhaltensweisen von Farbe und Bildträger. Der Malprozess scheint häufig ganz dem Eigenwillen der Farbe selbst zu gehorchen. Man erlebt förmlich mit, wie der Künstler sich beim Entstehen des Bildes von der Farbe überwältigen lässt und ihren Wünschen folgt. Sie erscheint emanzipiert und dominiert alles, was auch nur ansatzweise in Richtung Bildgedanke sich entwickeln könnte. Gleichzeitig liefert der Aufbau der Bilder dem Auge des Betrachters verschiedenste Möglichkeiten, an traditionelle Bildmotivik anzuknüpfen. Man kann das eigene Gehirn förmlich dabei beobachten, wie es Inhalte zu erzwingen sucht: Ein vermeintlich spontan gesetzter horizontaler Pinselstrich evoziert einen Horizont, und legt dabei die Wirkweise des gesamten Genres der Landschaftsmalerei offen.

Schwer ist manch kunstvoll aufgeschichteter, kraquelierender Berg aus Ölfarbe – nicht nur unter dem Gewichtsaspekt – und bildet auf einer, wie ein Trommelfell gespannten, in weiten Teilen leer belassenen Leinwand mit dieser ein Gegensatzpaar. Ein Titel wie Komet und Pool lässt – schon bevor man das Bild gesehen hat – eine surrealistische Konzeption im Kopf entstehen, die dann durch die tatsächlich spröde Einfachheit der Formen konterkariert wird.

... Überhaupt die Titel: Sie benennen derart offensichtlich das, was man bereits sieht, so dass von ihnen Aufschluss über weitere Interpretationsebenen des Bildes nicht erwartet werden dürfen. Muss man diese beinahe "konkrete" Titelfindung als hintergründig humorvolle Einlassung des Künstlers zu den Gepflogenheiten der Bildrezeption verstehen? Man bleibt jedenfalls auf die Farbe als Hauptinformationsträger zurückverwiesen.

Die Konkurrenz zwischen Eigenmächtigkeit der Farbe und Wille des Betrachters, "etwas im Bild zu sehen" ist durchaus irritierend. Auf Grund dieses provozierenden Puritanismus kann es sein, dass sich die Bilder, nachdem man sich längst von ihnen abgewendet hat in die Erinnerung zurück stehlen und den Betrachter weiter beschäftigen, mehr vielleicht und länger als es ein opulentes Werk vermocht hätte, das den bestehenden Erwartungen an Malerei und Landschaft genügte.

Wer Wyrzykowski kennt, weiß, dass er auch beim Reden nur das Allernötigste preisgibt. Umso mehr überrascht es daher, ihn zu diesem komplexen Vorgang der Interaktion zwischen Künstler und Material bei der Entstehung eines Bildes zu hören. Eines der schwierigsten Entscheidungen sei, zu spüren, wann ein Bild fertig ist. Er spricht von "Selbstüberwindung durch Aufhören". In einer anderen Äußerung vergleicht er den Vorgang der Bildentstehung mit dem Aufblühen einer Blüte: "Wann ist die Blüte perfekt? Dann schneidet man sie ab. Es ist ein brutaler Akt, eine Blüte abzuschneiden". Als gelernter Gärtner weiß Tobias Wyrzykowski wovon er spricht.

 

 

 

Mal´ mir einen Swimmingpool  

Klarheit durch malerische Expertise  

Hans-Martin Lorch 2018

 

 

Das Bild Komet und Pool (2016) sieht so schlicht und einfach aus, dass der Autor sich spontan erinnert fühlt an das Thema Malen mit Kindern und die fiktive Frage ... Wie geht ein Swimmingpool?

So wie dieses Bild könnte eine Antwort aussehen. Genial, weil schnell und gut lesbar. Hier geht es um einen runden Pool aus dem Baumarkt, zum Aufblasen oder Zusammenbauen. Tobias Wyrzykowski malt eine kreisförmige, niedrige Wand in einem knalligen Rot. Der Pinsel trägt noch Spuren von Schwarz, so dass die Umwandung bereits mit dem ersten roten Pinselstrich Dunkelheiten erhält, strukturiert wird und an ein aufblasbares Gummiteil erinnert. In diesen Ring hinein platziert der Maler eine dickflüssig schwappende, quietschend hellblaue Masse. Und fertig ist der Pool. Das Ganze befindet sich auf einem undefinierbaren grau-grünen Untergrund der mit breiten linearen Pinselstrichen angelegt ist und eine räumliche Tiefe entstehen lässt. Zur Bildmitte hin begrenzt wird dieser Untergrund von einem horizontalen gelben Farbstreifen der aussieht als ob er direkt aus der Farbtube auf die Leinwand gepresst worden wäre. Der Raum oberhalb dieses Farbstreifens, ungefähr zwei Drittel der Bildfläche, ist einheitlich mit Schwarz grundiert. Nacht über dem Pool also. Und inmitten dieses Nachthimmels, saust von rechts oben ein fetter, weißer, kegelförmiger Farbklecks, an dessen Rändern die Farbe erst fransig ausläuft um sich beim Trocknen punktuell wieder zurückzuziehen. So entsteht ein schaumig nebliger Effekt. Auf dem weißen Farbklecks wiederholt ein zweiter gelber Farbstreifen die gleiche Bewegungsrichtung von rechts oben nach links unten und endet mit einem deutlichen Punkt. Wie beim Pool klärt auch hier die Farbe worum es geht. Das Weiß ist der Lichtschweif eines Kometen, der vom Himmel fällt und die gelbe Linie mit dem Endpunkt verdeutlicht die Geschwindigkeit seines glühenden Feuerballs. Die darunterliegende gelbe Horizontlinie wiederum lässt sich mit diesem Wissen als Widerschein seines Lichts auf der Erde interpretieren. Die kleineren weißen und hellblauen Farbkleckse deutet die Phantasie von alleine als entfernte Gestirne bzw. als Wasser, das durch irgendeine Bewegung hoch spritzt. Doch woher kommt die Bewegung des Wassers?

Hier handelt es sich zweifelsfrei um ein Gemälde, das nicht nur Fragen der Deutung aufwirft, sondern nebenbei auch eine Geschichte anreißt. In ihrer Schlichtheit wirken Pool und Komet wie von einem Laien gemalt. Doch schaut man genauer hin, bemerkt man, dass die Schlichtheit und Klarheit durch malerische Expertise und innere Freiheit ermöglicht werden. Denn Tobias Wyrzykowski malt seine gegenständlichen Motive nicht nach der Realität, sondern aus der Vorstellung heraus. Diese Malweise verleiht den Bildern ihre erfrischende Spontaneität und charakteristische Leichtigkeit.

So wie Tobias Wyrzykowski aus seiner Vorstellung heraus malt, so schaut der Betrachter ebenfalls mit seiner eigenen Vorstellung. Mit diesem Wissen spielt der Maler. Eine durchgehende waagerechte Linie wird immer als Horizont gedeutet. Wenn der Raum im Vordergrund jedoch blassblau schillert und darin kurze dunkle Pinselstriche gleichsam schweben, wie in dem Bild Seestück mit Mast (2012), dann liegt es nahe, sie als Boote auf dem Meer zu interpretieren, selbst wenn es nur horizontale Pinselstriche mit kontrastierender Farbe sind.

Nach eigener Aussage hat Tobias Wyrzykowski vorab keine Vorstellung davon, was er auf der Leinwand darstellen will. Die Idee kommt erst während des Malprozesses, das Thema findet sich sozusagen von selbst. Der Bildtitel wird folgerichtig auch erst nach Vollendung des Gemäldes gefunden. Der Malprozess ist spielerisch. In dem abstrakt wirkenden Bild Eisberg und Wiese (2014) malt Tobias Wyrzykowski nicht eine Bergwiese mit Blumen, sondern bringt einen Farb- klang von Weiß, Blau, Grün und Gelb auf die Leinwand und weckt dadurch die Assoziation einer Bergwiese, wo schmelzende Schneefelder von erstem Grün durchdrungen werden. Den Bildhintergrund bildet eine puddingartige weiße Masse für deren Auftrag die Leinwand auf den Kopf gestellt wurde, um die dickflüssige Farbe nach unten verlaufen zu lassen. Zurückgedreht in die ursprüngliche, richtige Position, werden die Tropfnasen zu zackigen Bergspitzen. Ein simpler, aber wirkungsvoller Trick. Gleichzeitig verbildlicht dieses weiße Gletschermassiv die Kräfte, die solch gewaltige Eismassen gegeneinander verschieben und hochdrücken. Und genau hier fängt wieder die Interpretation an, das Spiel mit der Vorstellung. Das, was anfangs nur ein Spiel mit der Farbe war, ein Gegeneinandersetzen von Weiß und Blau-Grün-Gelb, erweist sich plötzlich als Landschaft. Untermauert wird diese Sicht durch eine rote Horizontlinie, die Vordergrund und Hintergrund trennt. Zusätzlich bringt das Rot eine ganz andere gefühlte Temperatur ins Bild. Zur Beantwortung der Frage ob die Farbe Rot aus rein kompositorischen Gründen gewählt wurde oder ob sie auch eine inhaltliche Bedeutung hat darf der Betrachter in sich selbst hinein hören. Lässt er sich ein auf Tobias Wyrzykowskis Bilder und ihre Geschichten, dann entfaltet sich ein lustvolles Spiel zwischen der Vorstellungswelt des Malers und der des Betrachters.